Katja Praschak
1967 in Wien geboren
1985–1988 Pädagogische Akademie Niederösterreich, Baden
1988–1999 Lehrtätigkeit
1992 Universität Wien/Studium der Philosophie und Pädagogik
1996/97 MGT Wien/Mal- und Gestaltungstherapieausbildung
2000–2004 Universität für Angewandte Kunst Wien/Studium der Bildenden Kunst-Malerei bei Prof.A. Frohner, Diplom mit Auszeichnung
2005–2021 Leitung der Malakademie Niederösterreich/Perchtoldsdorf
2015 bis 2018 angestellt als Mitarbeiterin bei NÖ Kreativ
2018 bis 2021 angestellt als Beraterin für Bildende Kunst im Musik- und Kunstschulmanagement NÖ (MKM)
Seit 2021 Leitung des Offenen Ateliers der Musik- und Kunstschule Perchtoldsdorf
Lebt und arbeitet als freischaffende Malerin in Perchtoldsdorf
Foto: ©NÖDOK
Ausstellungen
Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen u. a. Kongresshaus Wien, MAK Wien,
St. Peter an der Sperr Wr. Neustadt, NÖ-Dokumentationszentrum St. Pölten,
NÖ-Versicherung St. Pölten, 4/4-Galerie NÖ, Wirtschaftsuniversität Wien, Galerie Lang Wien EA, Galerie G.a.n.s Wien, Galerie am Markttor Perchtoldsdorf EA, artP Perchtoldsdorf, Burg Perchtoldsdorf EA, Sala Terrena Mödling, Galerie Museum Villach, Galerie Maringer St.Pölten, Kubin Galerie Schärding, Galerie Kontakt Wien, Kunstradeln Millstatt, Gauermann Museum Scheuchenstein EA, ...
Znaim- Prag- Brünn mit Angewandter, Frankfurt mit Galerie Lang, Venedig mit "Kunst auf Rezept" EA, Tokio mit artP, Bratislava mit NÖ- Dok., Slowenien- Schloss Bogensperk EA, ...
Langjährige Zusammenarbeit mit der Galerie Lang Wien, kurz mit der Galerie G.a.n.s Wien und mit dem Kunstverein artP Perchtoldsdorf bis heute.
Wandgestaltung 1999 — Palliativstation Barmherzige Schwestern Linz
Teilnahme am Wettbewerb Kunst am Bau 2011 — BH Lilienfeld
Finalistin beim Strabag Artaward 2007
Beteiligung an Internationalen Kunstmessen
Viennafair, Art Frankfurt, Artspace Frankfurt, Art Karlsruhe, WIKAM und Art Austria
Ankäufe u. a. von Land NÖ, NÖ-Versicherung, Raiffeisen Holding, Uniqua Versicherung, Sammlung Europäische Zentralbank Frankfurt, Sammlung Ströher
Publikationen u. a. Meisterklasse für Malerei bei O. Univ.-Prof. A. Frohner, Universität für Angewandte Kunst Wien 2002; Museum für Angewandte Kunst Wien, Junger Wein, Junge Kunst, Wien 2003; Malerei in Österreich zu Beginn des 3. Jahrtausends, Forum Artis, Wien 2005; Vernissage, April 2007/Mai 2008/November 2012; Katja Praschak/Momente der Stille, glw, Wien 2008; Die Presse, WIKAM Austria, 2012; KünstlerInnen im Industrieviertel, Steinverlag, 2013;
seit 2021 Leihgaben für ORF (Studio2, Licht ins Dunkel)- Filmbeitrag Studio2 ORF Mai 2022 und 2024.
Inhalte von Vimeo werden aufgrund deiner aktuellen Cookie-Einstellungen nicht angezeigt. Klicke auf “Zustimmen & anzeigen”, um zuzustimmen, dass die erforderlichen Daten an Vimeo weitergeleitet werden, und den Inhalt anzusehen. Mehr dazu erfährst du in unserer Datenschutz. Du kannst deine Zustimmung jederzeit widerrufen. Gehe dazu einfach in deine eigenen Cookie-Einstellungen.
Presse
»Um in die Tiefe zu kommen, ist es nicht notwendig weit zu reisen. Für die Reise der Kunst genügt die nächste gewöhnliche Umgebung, die Welt und die Menschen, die um einen sind. Dem Realismus der Bilder von Katja Praschak liegt eine tief empfundene Vielschichtigkeit und Wandelbarkeit der Welt zugrunde. Die Reflexion des Ihr zugänglichen Kosmos wird zum Bildinhalt und in eine in die Fläche realisierte Wirklichkeit gebannt. Es ist eine Forschungsreise in die Wechselwirkung von Innenwelt, Außenwelt und Maß (prèpon), welches durch Malerei hergestellt werden muss, um als Malerin in dieser Welt sein zu können. Diese existenzielle Notwendigkeit des Malens wird sichtbar und berührt als ›Einsicht in Welt‹ in den Arbeiten von Katja Praschak.«
R. Trsek
»Katja Praschak hat wertfrei geschaute Momente einfach nur ›fest gemalt‹ und manchmal aus ihrer neu empfundenen Erinnerung verändert, teilweise neu gestaltet. Ohne Anspruch auf eine besondere Bedeutung. Aber vielleicht mit dem Anspruch auf Zeitlosigkeit. Jeder Moment war und ist gleichzeitig wichtig und unwichtig. Interessant und uninteressant.«
M. M. Lang
Versuch einer Reflexion - Kurzfassung
Orte des Dagewesenseins
Orientierungslosigkeit und Verunsicherung scheinen mir die logischen Reaktionen des einzelnen Menschen auf eine Zeit der Globalisierung und Vernetzung zu sein. Je schneller die Verbindung, umso unverbindlicher ist sie. So ist es kein Wunder, dass sich der einzelne Mensch immer öfter fragt: Was will ich?, anstatt zu tun, was zu tun ist. Das weiß er nämlich oft nicht mehr. Erst im Einkehrhalten, in der Stille, nicht im permanenten Hinterfragen und Suchen, kommen neue, eigene Denkprozesse in Gang. Dieses Eigene wiederzuentdecken, indem man sich mit den Dingen eingehend verbindet, ist die Voraussetzung für sinnvolles, authentisches Handeln. Dann weiß der Mensch wieder, was seine eigentliche Aufgabe ist.
Ich möchte also in “Orte des Dagewesenseins” der in unserer Zeit spürbaren Verunsicherung, aus der ich mich selbst nicht ausnehme, ein Moment der Verbundenheit und vielleicht auch der Stille entgegensetzen.
Insofern sind meine Arbeiten “Orte des Dagewesenseins” an sich, wenn es mir gelungen ist, dem Mysterium des Malens zu begegnen. Dann war ich wirklich da. Ich war wachsam, und die Dinge konnten aus sich heraus sprechen.
Das Malen mit Acrylfarben auf Leinwand ermöglicht es mir am besten, mich mit
der inneren, sowie der äußeren Realität zu verbinden. So vergleiche ich beim Arbeiten kontinuierlich, in wie weit die nicht abwägbaren Komponenten aus dem seelischen Bereich mit der äußeren Realität übereinstimmen, und versuche beides in Harmonie zu bringen. Das ist sehr spannend. Manchmal nimmt das eine überhand, manchmal das andere. Das Bild ist dann “fertig”, wenn der Ausgleich gelungen ist, und es in sich “stimmig” ist.
Das von mir gewählte Thema “Orte des Dagewesenseins” impliziert bereits, dass es um nichts spektakulär Neues geht. Ich bin als Mensch natürlich mit Traditionellem verbunden, ob ich will oder nicht. Wer also das Neue sucht, der muss sich, glaube ich, im Innehalten üben.
Katja Praschak
Attempt at a reflection - short version
Places of already having been there
The loss of orientation and uncertainty is the logical reaction of the individual to a time of globalization and networking. The faster the connections, the less the obligations. No wonder for the individual to ask more and more often “What is it that I want?” instead of just doing what has to be done. It is because he doesn´t know anymore. Only by pausing, by contemplating the stillness, not by permanently questioning and searching will it be possible to create new personal reflecting processes. To rediscover these personal views by getting deeply in touch with those things that surround us, is the condition for a meaningful, authentic action. Only then the individual is again aware of what is his essential task.
So, in my “Places of already having been there”, I want to set against a distinguished feeling of uncertainty in our time (where of I don´t exclude myself) a moment of solidarity, and maybe also of stillness and calm.
In this respect my works actually are places I already have been at, as far as I succeeded in touching the mystery of painting. If so, it would mean I was really there, I was alert and things could speak for themselves.
Using acrylic in my paintings on canvas gives me the best opportunity to unite myself with the inner and outer reality, and then Itry to find the right harmony.This is a very exciting process. Both components are alternating. The picture is finished once the harmony is found, once the picture is “well-rounded”.
The subject I chose, i.e. “Places of already having been there” already imply that my work is about nothing spectacular. As a human beeing I am related to tradition by nature, whether I like it or not. So, whoever is looking out for the “latest”, has to practise in pausing and feeling the stillness, I think.
Katja Praschak
A distinguished feeling of uncertainty and restlessness dominating the actual world of art is set against a moment of calm. Not permanent questioning and searching, but pausing in contemplation respectively stillness is the condition for new approaches.
Choosing art as one´s way of life offers the opportunity to keep a distance to personal desires in the sense of “Individuation”, for which each individual should give his own shave in his special manner.
Katja Praschak
Versuch einer Reflexion :
Orte des Dagewesenseins
Ein pinselstrich - durchdacht
Es erwacht ein augenblick
Nenn es zeitlos - nenn es zeit
Stundenweit wird die sekunde
Zögernd - feig - dann wieder mutig
Ängste tauchen auf - ich mal sie zu
Ich mach mich auf -
Jetzt hab ichs ! ...Fast gehabt .
Spontan solls sein
Spontan mit plan
Und unentbehrlich ehrlich
Ob sichs vertragt?
Enge und weite in der richtigen menge
Sehnsucht ist flucht
Aber meinen fragezeichen
Möchte ich mich immer aufs neue stellen .
Reflexionen über meine bildnerische Arbeit anzustellen, bedeutet für mich, Vorgangsweisen und Prozesse thematisieren zu müssen, die künstlerischer Natur sind. Indem man solche Prozesse versucht in Worte zu fassen, setzt man sie meiner Erfahrung nach der Gefahr aus, dass sie entschwinden.
“Du hast Sand in deiner Hand. Wenn du versuchst ihn festzuhalten, rinnt er dir zwischen deinen Fingern durch.” - Kükelhaus 1.
Ich vermeide es normalerweise, das Unaussprechbare meines Tuns auszusprechen, um eben nicht in Gefahr zu laufen, es zu zerreden und so wieder zu verlieren. Es ist ein intuitiver Prozess, der hier vonstatten geht, ein ahnendes Erkennen neuer Gedankeninhalte 2 , und ich bin immer wieder froh darüber, wenn es mir gelingt mich darauf einzulassen, da ich sehr dazu neige zu früh preiszugeben, was mich da bewegt, indem ich die Idee bereits im Kopf zu sehr festmache. Das Bild ist dann bereits “gemalt” und eine erneute Umsetzung auf der Leinwand nicht mehr interessant. (Schade - um die Leinwand, wenn ich es trotzdem versuche, - um die Idee, wenn ich es nicht versuche!) Es ist nicht immer möglich, dann zu arbeiten, wenn es erforderlich wäre. - Karl Anton Mali 3. So versuche ich mir Strategien zurechtzulegen, die es möglich machen, meinen Intuitionen gerecht zu werden. Ich versuche die Spannung, die sie mit sich bringen, möglichst aufrecht zu erhalten, bis ich malen kann. Skizzen vermeide ich aus diesem Grund. Auch spreche ich nicht darüber, sondern versuche mich bewußt abzulenken. “Der Witz ist nämli´ der: Waunsd´ leb´n wüsd, muaßt über´s Sterb´n red´n. So is des.”
Natürlich sind es die elementaren Fragen des Lebens, die jeden beschäftigen und auch mich nicht loslassen, die mir aber ebenso natürlich keine Antworten gewähren, je mehr ich darüber sinne.
So war das Thema "Orte des Dagewesenseins" bereits im Sommer 2003 in seinen Grundzügen angelegt, wenn ich rückblickend darüber nachdenke.
“Was ist Kunst? Die Kunst wächst hervor aus Freude und Sorge, jedoch meist aus der Sorge. Sie entwickelt sich aus dem Leben des Menschen.” - Munch 4
Mein Mann hatte einen Herzinfarkt. Wir saßen Nachmittag für Nachmittag auf einem Bankerl eines idyllischen Innenhofes des St. Pöltner Krankenhauses und warteten. Wir warteten auf die Operationsfreigabe und auf einen noch immer ausständigen histologischen Befund, von dem alles weitere abhing. Nichts war zu tun. Nichts war mehr wichtig. Wir waren einfach da, d.h.: Wir waren wach. Wir hatten teil.
Unter “Dagewesensein” verstehe ich echte Anwesenheit, vielleicht auch im Sinne von Kontemplation 5.
Meine künstlerischen Arbeiten sind “Orte des Dagewesenseins” an sich, wenn es mir gelungen ist, dem Mysterium des Malens zu begegnen . Dann war ich wirklich da. Ich war wachsam, und die Dinge konnten aus sich heraus sprechen.
Der Innenhof des Krankenhauses ist, wie schon gesagt, an sich idyllisch. Viele Menschen verweilen hier, kranke und gesunde. Ein Ort der Stille. Ein “Ort des Dagewesenseins” so wie viele. Bedeutend oder unbedeutend . Eine an sich alltägliche Situatuion. Nichts war wichtig, nichts war interessant. Und gerade in dieser Interesselosigkeit sehe ich den Ursprung meiner Intuition für “Orte des Dagewesenseins”. (Vgl. S.8 Kant) Aus solchen Intuitionen, die mir, wie das Wort an sich schon impliziert 2, nicht ganz klar sind, formen sich meine Bilder. “Der Witz” ist nämlich der: Im Malen klärt sich vieles und ich bekomme Antworten geschenkt. Das Bild selbst involviert die kritische Auseinandersetzung damit. (Ja, das Glück is´ a Vogerl! Reden ist silber, malen gold!)
Es war Monet (geb. 1840), der, meines Wissens nach, behauptet hatte, er male, wie ein Vogel singe. Insofern mag er ein sehr glücklicher Mensch gewesen sein, so wie viele seiner impressionistisch malenden Kollegen. Manet (geb. 1832), der ein Jahrzehnt davor, zu Beginn der 60iger Jahre, das Fundament des Impressionismus geschaffen hatte, ist da ausgenommen. Ihm gilt meine spezielle Bewunderung.
In den Bildern seiner Frühperiode (“Frühstück im Grünen”, “Olympia”,...) hatte die malerische Form bereits einen hohen Grad an Unmittelbarkeit und Offenheit erlangt, obwohl in diesen Werken die Bindung an die ältere Kunst nicht übersehbar ist. Wir können seine Malerei von damals keineswegs bedenkenlos impressionistisch nennen 6. Vielleicht habe ich deshalb, abgesehen von anderen Gründen, die später noch deutlicher werden (Vgl. Wahl des Sujets) zu ihm mehr Zugang, als zu den typischen Impressionisten. Es geht mir nämlich, wie auch ihm, nicht unbedingt darum, das “Nur-Sichtbare” darzustellen und meine subjektive Empfindung des Lichts 7 , wie es der Impressionismus will, einzufangen, wohl aber will ich Reales darstellen.
Genaues Hinsehen ist ein wichtiger Bestandteil meiner Malerei. Dadurch spielt Licht und Stofflichkeit in meinen Bildern eine Rolle. Das Licht hat für mich nicht die selbe Bedeutung, die es für die Impressionisten hat. Es geht mir nicht wie ihnen um das sich ständig ändernde Licht, also nicht um die ständige Veränderung aller Dinge, von der wir in der heutigen Zeit ohnedies ständig umgeben sind. “Die Natur ist nicht nur das für das Auge sichtbare, sie ist auch das innere Bild der Seele”, sagt Munch 8 (geb. 1863), der schon im 19. Jahrhundert der modernen Psychologie zum Ausdruck verhalf. Für mich ist Licht eine Metapher des Seelenlebens. Es sind die Licht- und Schattenseiten in mir, denen ich in meinen Bildern unbewusst zum Ausdruck verhelfe. Gleichzeitig meine ich in meinen Bilder aber auch das Licht, das allein durch das Auge wahrgenommen wird; das Licht, das die ganze Stofflichkeit der Materie zum Vorschein bringt. Beide Aspekte in Einklang zu bringen, versuche ich auch in “Orte des Dagewesenseins”. Es sind also durch und durch realistische Bilder, wie allein schon der Titel sagt.
In diesem Zusammenhang möchte ich auf den Realismus (ca.1830-1880) zu sprechen kommen. Der Realismus 9 lehnte jede Idealisierung ab und erstrebte die Künstlerische Darstellung der Wirklichkeit. Realismus 10 - in der Geburtsstunde dieses Begriffs- wollte nichts anderes zum Ausdruck bringen, als ein leidenschaftliches Bekenntnis zur eigentlichen Funktion der Kunst.
Insofern fühle ich mich zu ihnen hingezogen. Auch ich greife in “Orte des Dagewesenseins” auf Orte aus dem alltäglichen Leben zurück, so wie viele Realisten, die allerdings den Notwendigkeiten ihrer Zeit entsprechend sozialkritischen Anspruch implizierten.
Betrachte ich Courbets Werk, sehe ich viel Schwere in seinen Bildern und einen bekenntnishaften Zug.
Bei den deutschen Realisten gefällt mir die Wärme, von denen sie ausgehen, z. B. in Scholderers “Violinspieler am Fenster”11 und ihre Klarheit.
Auch sie wandten sich dem Alltag zu, wollten ihn aber noch ins Bedeutungsvolle erhöhen, was auch mit der damaligen Lebenssituation zu tun hatte, und keiner von ihnen malte den flüchtigen Augenblick.
Manet befreite die Kunst von der damaligen “Bedeutungslastigkeit”.
Mit frischen Augen den alltäglichen Augenblick ohne höhere und tiefere Bedeutung und Assoziation zu sehen, ihn als Licht und Farbenspiel zu gestalten, gelang am ehesten den typischen französischen Impressionisten.12
Bloß die unmittelbare Empfindung zum Ausdruck zu bringen, wie sie das taten, ist jedenfalls, wie schon gesagt, nicht mein Interesse.
Mir geht es in “Orte des Dagewesenseins” um das Malen an sich.
Natürlich ist jede Kunst auch Ausdruck ihrer Zeit und meist lässt sich erst viel später erläutern, warum sie gerade zu dieser Zeit an diesem Ort “dagewesen” ist. Vieles der aktuellen Kunst ist scheinbar “eh schon dagewesen” . Was aber das Neue daran ist, kann man oft erst Jahrzehnte später erkennen, und am wenigsten, glaube ich, kann der Künstler selbst sein Werk in diesem Sinne beurteilen.
“Orte des Dagewesenseins” impliziert bereits, dass es um nichts Neues geht. Ich bin als Mensch natürlich mit Traditionellem verbunden, ob ich will oder nicht. Es wird immer Menschen geben, die dagegen ankämpfen. Ich glaube nur nicht, dass dann Neues entstehen kann. Unabhängig von Zeit und Ort hat und wird es aber immer Künstler geben, die sich Malen als Lebensform wählen und sich zur “reinen Malerei” in dem Maße bekennen, in dem sie sich zu sich selbst, zu ihrer Tradition und ihrem Menschsein bekennen. Das sehe ich als Voraussetzung, dass Neues entstehen kann, dass Weiterentwicklung auf diesem Gebiet stattfinden kann. Ich glaube aber nicht, dass es Aufgabe des Künstlers ist, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Er soll meiner Meinung nach einfach arbeiten.
Beim Malen selbst darf man aber auch nicht zu viel thematisieren.
Nicht weil Fragen nach Komposition und Farbwahl für mich nicht wichtig sind, sondern, im Gegenteil, weil sie das Bild letztlich ausmachen, vermeide ich es so gut es geht, diese Dinge im Malprozess zu hinterfragen, damit ich ihnen nicht unnötig im Wege stehe. Ich habe nämlich das Gefühl, dass solche Gedanken dem eigentlich Wesentlichen der Malerei mehr schaden als nützen.
Das Motiv ist für mich immer ein Vorwand für das Malerische, nahezu gleichgültig welches, wenn es nicht mit “Bedeutung” beladen ist und den künstlerischen Absichten dient, einfach dem Malen schlechthin. Irgendetwas, was mir zu Beginn der Arbeit nicht ganz klar ist, muss mir aber am Sujet gefallen. Das äussere Motiv muss mit meinem unbewussten inneren Motiv in Spannung stehen.
Ich lehne es ab, im Vorhinein ein “Thema” festzulegen: Konzentriere ich mich beim Malen zu sehr auf Inhaltliches, tut das weder dem Bild, noch mir selbst gut. Ich neige dann dazu, “Bedeutungsvolles”, oder dem Thema Entsprechendes noch mehr unterstreichen zu wollen, und empfinde es als Wohltat, wenn es mir gelingt den Malfluss wieder aufzunehmen und diese Stellen, die oft ursprünglich stimmig waren, wieder nüchtern zu überarbeiten. Oft werden solche Stellen auch komplett weggemalt. Dieses “Freiräumen” dient der Freiheit, es klärt.
Manet fegte alle moralischen, intellektuellen und literarischen Elemente aus der Malerei hinaus und gab sie ihrem eigensten Wesen wieder. Er stellte das reine Vergnügen am Malen wieder an den Anfang und das Ende aller künstlerischen Bestrebungen, er kehrte zur “reinen Malerei” zurück, die einst Franz Hals und Velazquez entdeckt hatten, d.h. zu dem Farbauftrag, der nichts anderes will, als die Verwandlung sichtbarer Welt ins Bild. Deshalb hatte bei Manet das Motiv nur nebensächliche Bedeutung. Er nahm sich seine Sujets,wie die Gelegenheit - oder die Tradition - sie ihm bot.13
Wie er selbst auch einmal gestand, wusste er in der Regel nie, was genau er malen wollte. Zwar fühlte er sich ganz allgemein von der Natur angezogen, aber eben dies machte ihn misstrauisch: Unbewusst spürte er, dass auch die Begeisterung für die Natur, in Malerei umgesetzt, deren eigentliches Wesen verfälschte. Daraus zog er den Schluss, dass das Sujet in der Malerei zweitrangig sein müsse.14
Ob man es, wie er, aus einem bereits existierenden Gemälde entnimmt, aus der unmittelbaren Natur, oder ob man, wie viele Künstler von Fotos ausgeht, ist vollkommen nebensächlich.
(Außerdem kann der Fotoapparat, wie schon Munch 15 so schön sagte,” sowieso nicht mit Pinsel und Palette konkurrieren, solange er nicht in der Hölle oder im Himmel verwendet werden kann.”)
Ich suche meine Motive nicht, ich finde sie. Es sind oft Genrebilder, die entstehen. Alltägliche Situationen erlauben mir den freien, gelösten Umgang mit dem Material. Doch selbst da vermeide ich es Szenen zu malen, die schon zu Beginn zu viel Gefühl in mir hervorrufen. Ich will es mir für den Malprozess aufsparen.
Oft sind es Fotos, die mir in die Hände fallen, von denen meine Arbeit ausgeht. Ich finde sie beim Durchblättern von Büchern oder in Alben. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich sie selbst aufgenommen habe, oder jemand anderer. Manchmal gehe ich auch von der unmittelbaren Natur aus. Wichtig ist mir nur die Umsetzung der Realität im Bild, der inneren, sowie der äußeren.
Während des Malprozesses muss ich mich gefühlsmäßig an etwas “festhalten”, damit es mich nicht zu sehr vom Realen wegtreibt. “Sehnsucht ist Flucht.” In gewisser Weise wäre “Seiltanzen” eine Metapher für Malen. So vergleiche ich beim Arbeiten kontinuierlich, in wie weit die nicht abwägbaren Komponenten aus dem seelischen Bereich mit der Realität des Fotos oder des unmittelbar Gesehenen übereinstimmen und versuche beides in Harmonie zu bringen. Ich überprüfe also permanent innere Vorgänge mit der sichtbaren Realität. Das ist sehr spannend. Manchmal nimmt das eine mehr überhand, manchmal das andere. Ein Bild ist für mich erst dann “fertig”, wenn der Ausgleich gelungen ist. Teile müssen allerdings offenbleiben. Es wäre uninteressant, würde der Seiltänzer am Seil einschlafen. Das wäre sein Tod. Die Spannung muss erhalten bleiben. Gerade in “Orte des Dagewesenseins”, in denen Stille eine Rolle spielt, war dieser Aspekt wichtig. Das “fertige” Bild muss für mich in sich stimmig sein. So lehrt das Malen mich leben.
Es handelt sich hier lediglich um einen Versuch, Aspekte meines Arbeitens zu verdeutlichen.
Kritische Auseinandersetzung ist meiner Erfahrung nach untrennbar vom künstlerischen Schaffen zu sehen. Denn wo beginnt das Künstlerische?
Schleiermacher sagt: “Alle Kunst entspringt aus Begeisterung, aus lebhafter Bewegung der innersten Gemüts- und Geisteskräfte.”16 Aus der Bewegung entsteht also das Werk. Wo aber beginnt nun das Künstlerische? Wenn Erregung und Äußerung identisch sind, sagt Schleiermacher weiter, ist das ein kunstloser Zustand. Das eigentlich Künstlerische beginnt mit der Besinnung. Durch den Moment der Besinnung, durch das Innehalten, wird die Bewegung unterbrochen, Erregung und Äußerung sind nicht mehr identisch und so tritt nach Schleiermacher die Besinnung als ordnendes Prinzip der Bewegung ein.17
Hier möchte ich noch auf Aby Warburg verweisen, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Ikonographie entwickelt hat, die, wie wir wissen, ins Wesen der Kunst einzudringen versucht. Er zeigt am menschlichen Körper als Ausdrucksorgan, wie “Gedächtnisfunktion”, also Besinnung, kontinuierlich entsteht. An seiner “Theorie des mimischen Ausdrucks und der Hantierung” 18 lässt sich das im einzelnen nachweisen. Zudem wird in Warburgs “Ausgleichspsychologie”19 das Problem der Auseinandersetzung, mit dem der Künstler zu kämpfen hat, deutlich: Er steht mit seinem Werk zwischen Aneignungstrieb und Entfernungswillen, zwischen religiösem Einverleibungsdrang und intellektuellem Aufklärungsstreben. Die seelische Schwingungsweite der umbildenden Kraft macht das Werk aus. In diesem Spannungsbogen sind die Übergänge kontinuierlich.
Kritische Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Schaffen ist also für den Künstler nicht vom künstlerischen Schaffen selbst zu trennen.
Jolande Jakobi 20 , eine führende Schülerin Jungs, meint, dass der Künstler mit seinem Werk das Sprachrohr des Unausgesprochenen, aber immerwährend Urlebendig-Wirksamen in der Seele der gesamten Menschheit ist. In wie weit das auf mein Tun zutrifft, maße ich mir nicht an zu beurteilen. Tatsache ist, dass ich mich als Mensch verstehe, der, so wie alle anderen auch, die Aufgabe hat, seinen persönlichen Mythos, sein Geheimnis, zu entdecken und sich im Prozess der Individuation zu engagieren. Individuation 21 , ein Begriff Jungs, ist das seelische Geschehen, durch das die reife Persönlichkeit, das Selbst aufgebaut wird. Jung warnt davor, Selbst mit Ich zu verwechseln, “ denn damit wird die Individuation zu bloßem Egozentrismus und Autoerotismus. Das Selbst aber begreift unendlich viel mehr in sich, als bloß ein Ich.... Es ist ebenso der oder die anderen, wie das Ich. Individuation schließt die Welt nicht aus, sondern ein.” 22 Malen ist für mich im Sinne der Individuation eine Notwendigkeit.
“ Ich glaube nicht an die Kunst, die sich nicht aus dem Drang des Herzens, sich zu offenbaren, notgedrungen entwickelt. Die Kunst ist das Herzblut des Menschen.” - Munch 23.
In erster Linie hoffe ich, dass meine Bilder von selbst sprechen und nicht allzu vieler Worte bedürfen und, dass der Betrachter die Bilder zuerst sprechen lässt. Dass sie wahrgenommen werden, unabhängig irgendwelcher Trends! Ich freue mich, wenn Menschen teilhaben an meinem Tun, wenn ein Bild sie berührt und sie es nicht “im Raum stehen lassen”.
Ich glaube, dass ist der größte Wunsch jedes Künstlers.
“Im großen und ganzen entsteht die Kunst, indem es einen Menschen drängt, sich einem anderen Menschen mitzuteilen.....Ein Bild zu erklären, ist unmöglich. Anders kann man nicht erklären, dass es gemalt worden ist, man kann nur einen kleinen Fingerzeig geben, was man sich dabei gedacht hat.” - Munch 23.
Wie schon angedeutet, geht es mir in “Orte des Dagewesenseins” weder um den flüchtigen Augenblick, der dem Lichtspiel unterworfen ist, noch will ich ihm künstlich Bedeutung aufladen. Ich betrachte diese “Orte des Dagewesenseins” eigentlich recht nüchtern, im Sinne von: Da war wer, und da ist wer gewesen. Der ist da gesessen. Der hat da getrunken. Die ist im Wasser gewesen. Die hat geplaudert, die gehandarbeitet, der gewogen,...
Bei dem Ort handelt es sich um einen beliebigen. Eventuell wird man beispielsweise das Wasser mit seelischer Tiefe , Unbewußtem,... assoziieren, Attribute wie Blumen, Pfeife mit Zufriedenheit,... Es sind reale Orte, mit denen der Mensch verbunden ist, der dort gewesen ist. Diese Orte existieren aber auch weiter, wenn der Mensch sich von ihnen entfernt hat, so wie sie existiert haben, bevor der Mensch “da gewesen” ist, also anwesend war und sich mit ihm verbunden hat .(z.B. Steinmauer in Colle di Val d´Elsa; der Innenhof des St. Pöltner Krankenhauses, den ich, obwohl, oder weil er Ausgangsort meines Themas war, nicht künstlerisch umgesetzt habe.)
Mit “Orte des Dagewesenseins” meine ich eine unabhängig vom Menschen existierenden Realität, die ja die Vorraussetzung unserer westlich rationalistischen Tradition ist, obwohl ich weiß, dass weder Rationalität bewiesen werden kann, da die Argumente der Beweisführung rational sein müssten,- und ich kann ja gleiches nicht mit gleichem beweisen-. Noch kann Realismus bei Beibehaltung unserer Alltagspraktiken bewiesen werden, denn die sind ja die Voraussetzung dafür.24
Viele melden ja Zweifel an, dass die Welt da draussen eine objektive, verstehbare, verlässliche ist, die mir auch sehr einleuchten.(Hume z.B. ist mir in Erinnerung). Es gibt eben keine Begründung dafür, dass es so ist, außer unserer Gewohnheit. Man argumentiert zirkulär, wenn man das, was begründet werden soll, im Begründungsversuch bereits voraussetzt. Also nur, weil es bis jetzt so war, weil es so oft beobachtet wird, muss es ja eigentlich nicht immer so sein. Die Gleichförmigkeit von Vergangenheit und Zukunft voraussetzen zu können ( Wenn a, dann b, weil so oft), würde auch Schlüsse , wie: Weil ich bis jetzt dagewesen bin, werde ich immer dasein., zulassen. Und dennoch gehe ich in meinem künstlerischen Schaffen von einer Realität aus, die beständig ist.
In “Orte des Dagewesenseins” hoffe ich der Weltverunsicherung, die ich auch in der heutigen Zeit stark spüre, etwas entgegensetzen zu können, und sei es nur ein kurzes Innehalten. Ich habe nämlich das Gefühl, dass sich immer mehr Menschen auf die Flucht begeben. Keiner ist mehr bereit sich Zeit zu nehmen. Man hetzt von Termin zu Termin, ruhe- und rastlos, geprägt von immer schneller fortschreitenden Entwicklungen, von einer Überinformation durch die Medien, übersättigt, auch durch ein Überangebot in den Supermärkten und belastet von der sogenannten “Erleichterung” durch Internet und Co.: Diese Bilderflut bringt nach meinem Gefühl seelische Ebbe. Dem Menschen werden Dinge vorgegaukelt, die ihn zutiefst verunsichern, so auch oft in der aktuellen “Kunst”. Virtuelle Welten ersetzen reale und bringen irrationale Ängste hervor. Oder sind sie real?
Ich versuche mittels des Malens mit dieser Verunsicherung umzugehen, mich zu erden, mich zur menschlichen Natur zu bekennen und hoffe somit der heutigen Zeit, in der keiner mehr Zeit hat, ein Moment der Stille entgegenzusetzen.
“Orte des Dagewesenseins” meint unter anderem Orte, an denen Voraussetzungen für Leben, Lebensfreude, Freiheit, Selbst- Bewußtsein,...kurz für Individuation geschaffen werden, umso mehr, wenn dem auch manchmal tragische Schicksale vorhergegangen sind.
Ein paar Aspekte möchte ich hier andeuten:
Es sind Momente der Stille, des All-eins-seins, des Nichts-tuns einerseits, Zeiten des Sich-Ablenkens andererseits.
Im Einkehr-Halten, im Verweilen, im Rückbesinnen kommen neue, eigene Denkprozesse in Gang. Voraussetzungen für Handeln werden geschaffen.
An diesen Plätzen spielt die Natur oft eine große Rolle. Hier entdeckt der Mensch seine Sinne neu. Er spürt das Leben an sich. Der Mensch begegnet seinen unbewußten Seiten, den dunklen und den hellen .
Durch einfache Tätigkeiten, die beruhigen, - Ich habe für mich selbst das Häkeln z.B. wiederentdeckt.- lernt man warten. Und im Endeffekt warten wir doch alle.
Oft zeige ich auch alte Menschen. Sie haben nichts mehr zu verlieren. Langeweile macht sich breit, sie warten auf den Tod. Jeder geht mit ihm anders um. Manche
kehren in sich. Oft verdrängt man ihn an die Oberfläche sensationslüsterner Allgemeinheiten und banaler Tratschsucht.25
Zeitweise versucht man ihm auch zu entrinnen, durch Alkohol zum Beispiel. Ich bin aus Perchtoldsdorf. Hier, beim Heurigen, lässt sich gut beobachten, wie die eigentliche Thematik an die Oberfläche des “Schwipserls” gezogen wird. Es entsteht ein enges Nebeneinander von Lustigkeit und Traurigkeit, von Leben und Tod. Dazu kommt viel Sentimentalität, und zeitweise macht sich Melancholie breit.
Es sind die Polaritäten, die es ständig neu abzuwägen gilt: Kein Schwarz, ohne Weiß; kein Gutes ohne Böses, kein Leben ohne Tod.
Es scheint mir, dass gerade in der heutigen Zeit der Vernetzung und der Globalisierung das Kulturelle oberflächlicher wird: Es wird gleichgemacht, amerikanisiert. Andererseits, oder vielleicht gerade deshalb, aus der Verunsicherung, aus der ich mich keineswegs ausnehme, fragt sich der einzelne Mensch permanent: Was will ich?, anstatt zu tun, was zu tun ist. Er weiß es nämlich oft nicht mehr. Als erwachsener Mensch bin ich für mein Tun und für meine Gedanken, die diesem Tun vorausgehen selbst verantwortlich. Das Malen lehrt mich leben. Es lehrt mich leben , insofern es mich lehrt, interesselos zu schauen. Ich meine das interesselose Anschauen im Sinne von Kant26 : Jedes sinnliche Bedürfnis, jedes “Haben-Wollen”, jeder Nutzenaspekt muß ausgeschlossen sein, damit die Dinge aus sich heraus sprechen können. Wie ich weiß, hat schon Schopenhauer 27 Kunst als Mittel dafür verstanden: Solange der Mensch sich nicht von seinem Willen freimachen kann, ist der Blick auf die Wahrheit getrübt. Die Kunst ermöglicht es uns, uns für einen Moment von uns selbst, von unserem Bewußtsein, von unserem Willen zu trennen. Dadurch ist das Erkennen von Wahrheit möglich. Interesseloses Wohlgefallen ist die Vorbedingung für Erkenntnis.
Ich komme hier auf Cezanne zu sprechen (,den ich sehr verehre), weil genau das Ausgang seiner Arbeiten war.: Er sah die Realität, so wie ich vorher erwähnt habe, als im Grunde unveränderlich, überzeitlich, die menschlichen Schicksale überdauernd.
Er suchte in der Natur einen festen Halt: “Lesen wir in der Natur. Realisieren wir unsere Eindrücke, unsere Erlebnisse, in einer zugleich persönlichen und traditionsbewußten Ästhetik. Der Stärkste wird sein, der am tiefsten schürft und voll realisiert- wie die großen Venezianer.”28
Rilke schrieb über ihn: “Er wusste seine Liebe zu jedem Apfel zu verbeißen , und sie in dem gemalten Apfel für immer unterzubringen ”29.
“Wie sehr das Malen unter den Farben vor sich geht, wie man sie ganz alleine lassen muss, damit sie sich gegenseitig auseinandersetzen. Ihr Verkehr untereinander: das
ist die ganze Malerei ” 30, hat auch Rilke in seinen “Briefen über Cezanne” erkannt, die bei genauerer Betrachtung durchaus kunstgeschichtlich relevant sind. Auch schreibt er darin:
”Das Anschauen ist eine so wunderbare Sache, von der wir so wenig wissen; wir sind mit ihm ganz nach außen gekehrt; aber gerade, wenn wir´s am meisten sind, scheinen in uns Dinge vor sich zu gehen, die auf das Unbeobachtetsein sehnsüchtigst gewartet haben, und während sie sich, intakt und seltsam anonym, in uns vollziehen, ohne uns- wächst in dem Gegenstand draußen ihre Bedeutung heran.”31
Diese Stelle berührt mich immer wieder. In diesem Sinne wünsche ich mir, dass auch “Orte des Dagewesenseins” verstanden werden können.
Natürlich gelingt es nicht immer interesselos zu schauen, und je mehr man es will, eben umso weniger. Interesseloses Wohlgefallen der Welt entgegenzubringen, damit sie sprechen kann, sehe ich auch im Sinne der Individuation als meine Lebensaufgabe, und die Kunst, wie schon gesagt, als meinen Lehrmeister.
Einfach ist das nicht, aber es geht mir um den Weg dorthin. Malen ist Arbeit, in der alle Höhen und Tiefen des Daseins zu Tage treten, sich förmlich ans Licht drängen. Tiefe Befriedigung, ja Glückseligkeit, empfinde ich, wenn es mir gelingt, in Selbstvergessenheit zu versinken, sei es nur für einen Moment, der aber gefühlsmäßig die Ewigkeit repräsentiert, wenn ich vollkommen konzentriert arbeite, wenn etwas für mich spürbar Stimmiges entsteht, ohne dass ich daran gedacht habe, ohne mein Zutun praktisch, indem ich mich der Kunst einfach zur Verfügung gestellt habe. Natürlich habe ich die Arbeitsbedingungen geschaffen.
Manchmal mangelt es mir an Konzentration. Die notwendige Spannung, von der ich schon gesprochen habe, kann nicht aufrecht erhalten werden. Dann bin ich oft unbeherrscht. Oder ich kann ein Bild nicht stehenlassen und finde kein Ende.
Man darf keine Vorlieben, keine Neigungen, keine wählerischen Verwöhntheiten mehr haben, und davon bin ich noch weit entfernt. Für mich sind das alles empirische Lernprozesse.
Das eigene Wollen steht dem Tun oft im Wege: Zu sehr hänge ich noch an den Dingen, und in dem Moment, in dem ich mir das bewusst mache, gerät der Malfluss ins Stocken. “Bei der geringsten intellektuellen Einmischung versagt allerdings der Übersetzungsprozess.”- Cezanne 32.
Rilke drückt es so aus:”Wer dazwischenspricht, wer anordnet, wer seine menschlichen Überlegungen, seinen Witz, seine Anwaltschaft, seine geistige Gelenkigkeit irgend mit agieren lässt, der stört und trübt schon ihre Handlung.
Der Maler dürfte nicht zum Bewusstsein seiner Einsichten kommen (wie der Künstler überhaupt): ohne den Umweg durch seine Reflexion zu nehmen, müssen seine Fortschritte, ihm selber rätselhaft, so rasch in die Arbeit eintreten, dass er sie in dem Moment seines Übertritts nicht zu erkennen vermag. Ach, wer sie dort belauert, beobachtet, aufhält, dem verwandeln sie sich wie das schöne Gold im Märchen, das nicht Gold bleiben kann, weil irgend eine Kleinigkeit nicht in Ordnung war.”30
Und genau um die für den beschriebenen Prozess notwendige Konzentration zu üben, geht es mir bei meinem künstlerischen Schaffen. Um nicht mehr und nicht weniger. Ich muss mich als Künstler am Äußersten prüfen und erproben, bin aber auch daran gebunden, dieses Äußerste nicht vor dem Eingang in das Kunstwerk auszusprechen, zu teilen, mitzuteilen.33 Damit bin ich wieder am Beginn dieser Arbeit angelangt.
Man kann sich nur mitteilen, indem man Ergebnisse zeigt, und innerhalb des eigentlichen täglichen Lebens zeigt, was man durch die Arbeit geworden ist und sich
dadurch gegenseitig halten, helfen und (im demütigen Sinn verstanden:) bewundern33.
Kunst ist für mich die Lebensform, die mich zwingt, mich von meinem Wollen und meinen Sehnsüchten zu verabschieden.
Anmerkungen:
1) Hugo Kükelhaus (1900 - 1984) : Handwerker, Philosoph, Künstler und Schriftsteller. Es ging ihm immer wieder darum, die Tätigkeit der Sinne als Teil unseres menschlichen Daseins erfahrbar werden zu lassen, und ihre Wirkung in der Beziehung sowohl zu uns selbst, als auch zu menschlichen, natürlichen und dinglichen Umwelt bewusst zu machen. Das genannte Zitat ist mir mündlich überliefert.
2) “Intuition” nach Brockhaus
3) Aus: Hilde Schmölzer: A schene Leich S.157
4) Aus: Ragna Stang: Munch S.17
5) “Kontemplation” ist nach Brockhaus die “Anschauende Versenkung” .
6) Vgl.: Propyläen Kunstgeschichte: 19. Jhdt.: Der Impressionismus. S.129 f
7) “Impressionismus” nach Brockhaus
8) Aus: Ragna Stang: Munch S.11
9) “Realismus” nach Brockhaus
10) Vgl.: Dario Durbe: Courbet und der französische Realismus: Realismus und Romantik. S.8
11) Vgl.: Propyläen Kunstgeschichte : 19.Jhdt. : Abb. 215
12) Vgl.: Propyläen Kunstgeschichte : 19.Jhdt. : Monet, Scholderer . S. 119 f
13) Vgl.: Germain Bazin: Das Impressionisten Museum im Louvre: Von einem Frühstück zum anderen . S.9 fff
14) Vgl.: Germain Bazin: Manet: Die Anfänge. S.10-21
15) Aus: Ragna Stang: Munch S.15
16) Aus: Schleiermacher: Über den Umfang des Begriffs der Kunst mit Bezug auf die Theorie derselben. In: Edgar Wind: Warburgs Begriff der Kulturwissenschaft und seine Bedeutung für die Ästhetik. In: Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft Bd.25 (1931), Beiheft (4. Kongress für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft, 7.-9.10.1930). S.173
17) Vgl.: Schleiermacher: wie 16) S.173 f
18) Nachzulesen in: Aby Warburg:: Theorie des mimischen Ausdrucks und der Hantierung. In: Edgar Wind: wie 16) S. 175
19) Vgl.: Aby Warburg : Ausgleichspsychologie. Die Polarität des Symbols. In: Edgar Wind: wie 16) S. 170 fff
20) Vgl.: Jolande Jakobi : Vom Bilderreich der Seele: Die Beziehung zur Kunst. S.38 ff
21) “Individuation” nach Brockhaus
22) Aus: C.G. Jung: Erinnerungen, Träume, Gedanken S.412
23) Aus: Ragna Stang: Munch S.17
24) Folgender Artikel überzeugt: J.R. Searle: Rationalismus und Realismus. Eine Verteidigungsrede. In: Merkur: Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. Heft 5 (1994). S.377-391
25) Vgl.: Hilde Schmölzer: A Schene Leich. Der Wiener und sein Tod. S.8
26) Nachzulesen in: Immanuel Kant: Kritik der Urteilkraft. Hrsg. von Gerhard Lehmann. (1966)
27) Nachzulesen in: Arthur Hübscher: Arthur Schopenhauer. Seine Persönlichkeit und seine Philosophie. In: Der Literat: Zeitschrift für Literatur und Kunst. (Frankfurt am Main, 1967)
28) Aus: Hajo Düchting:: Cezanne S.110
29) Aus: R. M. Rilke: Briefe über Cezanne. 13. 10. 1907 an Clara Rilke. S.41
30) Aus: R. M. Rilke: Briefe über Cezanne. 21.10. 1907 an Clara Rilke. S.55 f
31) Aus: R. M. Rilke: Briefe über Cezanne. 8. 3. 1907 an Clara Rilke. In: Ralph Köhnen : Sehen als Textkultur. Intermediale Beziehung zwischen Rilke und Cezanne. (Bielefeld,1995)
32) Aus: Hajo Düchting:: Cezanne S.194
33) Vgl.: R. M. Rilke: Briefe über Cezanne. S.11 fff
Verwendete Literatur:
Bazin Germain: Das Impressionisten-Museum im Louvre; Galerie Somogy, . Lizenzausgabe für Bertelsmann, Gütersloh
Bazin Germain: Manet; Schuler, München 1975
Brockhaus in 2 Bänden; Reader´s Digest, Wien 1999
Dourbe Dario: Courbet und der französische Impressionismus; Galerie Schuler, München 1974
Düchting Hajo: Cezanne; Taschen, Köln 1999
Jakobi Jolande: Vom Bilderreich der Seele; Walter-Verlag AG, 1969; . 4. Aufl. der Sonderausgabe 1992
Jung C.G.: Erinnerungen, Träume, Gedanken. Hrsg. von Aniela Jaffe;
Walter-Verlag AG 1971; 9. Aufl. der Sonderausgabe 1995
Kant Immanuel: Kritik der Urteilkraft. Hrsg. von Gerhard Lehmann;
Philipp Reclam jun., Stuttgart 1966
Köhnen Ralph: Sehen als Textkultur; Aisthesis Verlag, Bielefeld 1995
Propyläen Kunstgeschichte in 12 Bänden. Band 11: Rudolf Zeitler: Die Kunst des 19. . Jahrhunderts; Berlin 1984
Rilke Rainer Maria: Briefe über Cezanne. Hrsg. von Clara Rilke; Insel-Verlag; . 3. Aufl., Frankfurt am Main 1990
Schmölzer Hilde: A schene Leich. Der Wiener und sein Tod; Verlag Kremayr und . Scheriau, Wien 1980
Stang Ragna: Edvard Munch; K.R.Langewiesche Nachfolger H.Köster KG, . Königstein in Taunus 1979
Zeitschriften:
Der Literat. Zeitschrift für Literatur und Kunst (Köln 1999); Frankfurt am Main 1967
Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken (Heft 5, 1994); Klett-Cotta, Stuttgart 1989
Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft (Bd.25, 1931); Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart
- Katja Praschak
Kontakt
Katja Praschak
Buchenweg 56
2380 Perchtoldsdorf
+43 676 707 89 91
[email protected]